Der andere Mann

Der andere Mann ©Nicole Neuberger

Viele von uns haben den einen Mann an ihrer Seite. Den einen, der sein Leben mit ihnen teilt, den Urlaub, vielleicht sogar das Bankkonto und mit Sicherheit die meisten Freunde. Er ist Teil der Familie, Teil von uns, so sehr, dass wir gar nicht mehr genau wissen, wie es früher war, das Leben ohne den einen Mann. Wir sind seelenverwandt oder zumindest annähernd und können uns ohne diesen einen Mann die Zukunft, das Für immer nicht denken.

Dann kommt plötzlich er. Der andere Mann. Er fragt nicht: „Was gibt es zu essen?“. Er sagt: „Lass uns ausgehen, das Leben feiern, in den Urlaub fahren, an einen exotischen Ort oder übers Wochenende zum Wellness. Das hast du dir verdient.“ Und da spürst du es, diese Kribbeln im Bauch, das du schon lange vermisst. Das Flattern von Millionen Schmetterlingen, die heraus wollen, das Leben genießen, frei sein, nicht an morgen denken, schon gar nicht an übermorgen. Nicht an gemeinsame Konten, Rechnungen und dreckige Wäsche. Er sagt „Du siehst gut aus“, und durch seine Augen siehst du es auch. Die Falten verschwinden, genau wie der Speck. Du bist begehrenswert. Warum hat dir das so lange niemand gesagt?

Zu Hause bleibt alles beim Alten. Wer ahnt schon, dass du eine andere bist oder sein willst, wenn du dich traust. Du haderst und grübelst. Sollst du springen mitten hinein in das neue Leben, das Abenteuer, das lockt? Du motzt den einen an, weil er so ist, wie er ist. Du lächelst den anderen an, weil er dich sieht, wie du gerne wärst. Der andere ist gutaussehend, aufregend sogar, der eine vertraut bis ins letzte Detail.

Du schwindelst, schafft Freiräume für ein Glas Wein, ein Essen im Kerzenschein, einen Spaziergang im Park. Und gleichzeitig fragst du dich, was du da tust. Hat der eine das wirklich verdient? Zu Hause zu warten, auf Sparflamme zu kochen, weil du in Gedanken den anderen willst. Natürlich ist er nicht dumm, sonst hättest du ihn nicht gewählt. Er fragt sich, was los ist und dich schließlich auch. Wohin du verschwindest, mit wem du deine Zeit verbringst. Du siehst ihm an, dass er dir deine Antworten nicht glaubt, so sehr er auch will. Und das schlechte Gewissen lässt auch keine Ruh. Es frisst sich hinein, in jeden Gedanken, hindurch durch dich und jede deiner Poren. Solange bis du ihn wieder triffst, den anderen Mann. Dann lachst du, feierst das Leben und träumst von der Zukunft, ganz neu und bunt. Vergessen ist das Gewissen und die lästige Pflicht. Alles, was zählt, ist das Hier und Jetzt. Das großartige Gefühl, das Kribbeln im Bauch, das Träume vom Fliegen.
Und eines Tages wagst du den Sprung. Du stürzt dich kopfüber ins Leben. Packst es am Schopf und den anderen Mann an der Hand. Ein letzter Blick auf den einen, der die Welt nicht versteht. Doch du kannst nicht bleiben. Die Welt liegt dir zu Füßen und wartete auf dich. Du stürmst einfach los, mitten hinein. Das geht auch gut, bis zu dem einen Moment. Du willst zum Telefon greifen und sagen: ‚Stell dir mal vor, wo ich gerade bin“ oder ‚Weißt du noch damals, die verrückte Begegnung?’ Doch das ist vorbei, aus und vorbei. Du es verwirkt, dein Recht auf den Anruf, auf gemeinsame Momente, auf Erinnerungen an bessere Zeiten. Aus dem Kribbeln wird Vermissen. Wie geht es dem einen? Kommt er klar? Er war so traurig, wirkte verloren, kaum noch vertraut.

Die Rechnungen bleiben, die dreckige Wäsche auch. Der andere Mann ist genau wie geglaubt. Er ist keine Enttäuschung, kein Wolf im Schafspelz und keine Katze im Sack. Aber er ist nicht der eine, der Seelenverwandte, wenn auch nur fast. Das Leben ist anders, nicht wie gewohnt. Es schmeckt nicht mehr neu, kaum noch süß. Das Leben ist bittersüß, wenn der eine fehlt. Weil Verliebtsein brennt und erlischt, aber Liebe heiß glüht. Du hast ihn verloren, das ist dir bewusst. Du wirst dich fragen, noch lange, für immer vielleicht, was er gerade macht, was er denkt, wie er lebt. Ob er gelegentlich seine Gedanken zu dir schweifen lässt, in stillen Augenblicken, wenn die Welt lange schläft.

Und dann wachst du auf mit rasendem Herzen. Die Brust vor Schreck zu eng zum Atmen. Du drehst dich um und er ist da. Langsam und leise, um ihn nicht zu wecken, schmiegst du dich an. Genießt den Moment. Und du dankst dem Schicksal, den Geistern und magischen Mächten, dass sie deine Entscheidung gelenkt haben, dich geführt haben, auf den richtigen Weg, zum richtigen Mann. Dem einen, den du lieben, mit dem du leben, mit dem du alt werden kannst.

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