Die Macht der Gewohnheit

Gewohnheit ist eine nicht zu unterschätzende Kraft. Sie gaukelt uns vor, dass das, was wir tun gut ist, weil es sich vertraut anfühlt. Über die Richtigkeit unseres Tuns und die Umstände weiß sie aber tatsächlich gar nichts. Wenn wir die Beine übereinanderschlagen oder die Hände verschränken fühlt sich eine Richtung gut an, die andere vollkommen verkehrt. Das macht die Gewohnheit. Gut wäre, wenn beide Seiten gleichmäßig gedehnt und beweglich wären. Bezogen auf unser Leben kann Gewohnheit einen noch schlimmer Schaden anrichten als leicht verkürzte Muskeln und Sehnen. Sie kann uns festsetzen an einem Ort, der nicht richtig für uns ist, der uns unglücklich macht, im schlimmsten Fall sogar krank.

»Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.« Dieser Spruch umschreibt perfekt, was Gewohnheit mit uns macht. Sie lullt uns in die Sicherheit, dass wir zumindest irgendetwas haben, besser das als gar nichts, besser den Job, den wir nicht mögen, als arbeitslos zu sein, besser diese Beziehung, die längst nicht mehr brennt, als allein zu sein. Warum sich trennen und in die Ungewissheit stürzen, wenn der Alltag funktioniert? Zwei Leben miteinander verwoben und ineinander verkeilt wie Zahnräder, oft über Jahre hinweg, vielleicht sogar Jahrzehnte. Kein schlimmer Zustand, nicht unerträglich, zumindest jetzt noch nicht, aber irgendwie auch kein guter, nur bequem, sorgenfrei, oder frei von großen Sorgen, weil die sich zu zweit besser meistern lassen. Der einzige Hinweis, das etwas nicht stimmt, ist der Mangel an Energie oder Euphorie für das Leben, gelegentlich der Neid, beim Blick auf die Abenteurer dieser Welt, die Altes leicht hinter sich lassen, nicht in Gewohnheiten verfallen oder ihre Routinen festfahren.

Und wenn wir leise unsere Ahnung äußern, dass Gewohnheit nicht Liebe ist und irgendwas fehlt, bekommen wir die Antwort: »Schaut Euch doch an, Ihr funktioniert perfekt. Was willst Du mehr?« Leben, könnte die Antwort sein, nicht einfach nur funktionieren. Gemeinsam lachen, tanzen, jubeln. Gewohnheiten aufzubrechen ist nicht leicht. Sich zu trennen, weil eine Beziehung zu routiniert ist, klingt verrückt. Deshalb zu bleiben aber genauso. Und ein bisschen unfair ist das Ganze auch, unserem Partner gegenüber, dem wir die Chance verwehren auf mehr als den üblichen Trott. Was also tun? Gehen? Bleiben? Weil es so schlimm ja eigentlich auch gar nicht ist und eine Trennung oder Scheidung viel zu kompliziert. Bis zwei verwobene Leben entwirrt sind, vergeht eine kleine Ewigkeit und Geld kostet das Ganze auch. Die Antwort ist eine Frage der Liebe. Ist sie fort, hat das festhalten an einem Arrangement keinen Sinn. Ist sie noch da, wie wäre es mit einem Neuanfang? Nicht allein, sondern zu Zweit. Gewohnheiten sind nicht in Stein gemeißelt. Sie lassen sich verbiegen, verändern, auflösen. Wenn beide daran arbeiten und einen neuen Blick auf die gemeinsame Welt werfen, einen Perspektivwechsel wagen, eine Reise zu neuen Ufern, dann hat die alte Gewohnheit keine Chance uns festzuhalten, am falschen Ort.

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