Energievampire

Bis zur Veröffentlichung meines Romans Herzblick kannte ich das Wort überhaupt nicht. Erst meine Lektorin machte mich drauf aufmerksam, dass meine Protagonistin von diesen Energievampiren umgeben ist. Und sie hatte natürlich recht. Obwohl ich den Begriff zuvor nie gehört hatte, habe ich festgestellt, dass ich etliche Energievampire kenne – Menschen, die mit ihrer Art, anderen ihre Energie rauben. Das müssen nicht unbedingt Personen sein, die selbst wenig Energie haben, obwohl man diese Definition gelegentlich liest. Nein, dass sind Menschen, die andere runterziehen, entweder mit in ihren eigenen Sumpf oder eben weil sie sich daran ergötzen, wenn es ihnen selbst besser geht als anderen. Das sind Mensch, die immer nörgeln, denen es grundsätzlich schlechter geht als anderen, egal wie schlecht diese Personen sich fühlen, das sind Menschen, die immer alles besser wissen, ja sogar bevor das Ereignis eingetreten ist, schon wussten, dass es so kommt, nur nichts gesagt haben. Energievampire ersticken jede Idee im Kein, reden jeden Plan schlecht und haben ausgerechnet dann, wenn wir Hilfe, Zuspruch oder eine Schulter zum Anlehnen benötigen, keine Zeit. Das können Arbeitskollegen sein, Nachbarn, Familienmitglieder, Freunde und leider auch der eigene Partner. Während wir uns das Verhalten von Arbeitskollegen und Nachbarn noch Distanz halten können, wird es mit Familie und Freunden schwierig und den Partner gegen wir nicht einfach auf. Wir versuchen zu helfen, aufzubauen und im schlimmsten Fall uns zu ändern, um diese Menschen, die uns bedingungslos lieben und unser Bestes im Sinn haben sollten, glücklich zu machen. Nur leider funktioniert das meist nicht.

In einem Ratgeber lese ich, wir sollen Energievampiren die Hand reichen, ihnen helfen, weil jeder eine zweite Chance verdient hat und sie eigentlich nur mit sich selbst kämpfen. Ich halte das für Unsinn. Genau dieses Verhalten befähigt die Energieräuber. Wir öffnen unsere Energiereserven, unser Gutelaunedepot und bieten es ihnen auf dem Silbertablett an. Natürlich bedienen sie sich nach Lust und Laune, das liegt in ihrem Naturell. Wie wir uns dabei fühlen, ist ihnen egal, auch das liegt in ihrer Natur, weil es ihnen ohnehin schlechter geht, weil sie die Aufmerksamkeit verdient haben, genau wie unser Glück oder weil sie besser wissen, was gut für uns ist als wir selbst. Warum sollten wir festhalten, wenn die Beziehung so unausgeglichen ist, wenn einer nimmt, mehr als ihm zusteht, und nichts dafür zurückgibt? Wir haben Angst allein zu sein, ohne beste Freundin oder Beziehung. Wir wollen gefallen, alles richtig machen und anderen helfen. Wie können wir in Erwägung ziehen, einen anderen Menschen einfach aus unserem Leben zu streichen? Das müssen wir nicht, zumindest nicht sofort. Wir können versuchen, Gespräche in positive Gewässer zu lenken, unseren Standpunkt klar machen und nicht zuletzt auch klar zu sagen:

Du raubst mir meine Energie.

In den meisten Fällen wird nichts davon funktionieren. Energievampire sind grundsätzlich unschuldig und sehen sich gerne als Opfer. Selbstkritisch sind sie nie. Was bleibt, ist einen Schlussstrich zu ziehen, diese Person gehen zu lassen, um unserer selbst willen. Das ist nicht leicht und manchmal schmerzhaft, manchmal überraschend erleichternd. Eine Beziehung, die uns aussaugt, uns die Kraft raubt, hat mit Liebe nichts zu tun. Wir können wir nicht alle Menschen restlos aus unserem Leben verbannen, Arbeitskollegen können wir uns nicht immer aussuchen, genauso wenig wie die Familie, aber wir können uns distanzieren, uns Situationen und Gesprächen mit energieraubendem Muster entziehen. Denn am Ende dankt uns niemand, schon gar nicht der Energievampir, dafür, dass wir alles gegeben haben, ganz ohne eine Gegenleistung zu verlangen, und uns dabei selbst verloren haben.

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