Verplant

Wer ein Unternehmen gründet, macht in der Regel einen Fünfjahresplan, vielleicht sogar einen Zehnjahresplan und arbeitet bis zum Erreichen seiner Ziele die nötigen Punkte auf dem Weg dorthin ab. Für Beziehungen geht das auch. Nicht selten hören wir: „In den nächsten fünf Jahren wollen wir ein Haus kaufen und das erste Kind bekommen.“ Daran ist nichts verkehrt, Ziele im Leben zu haben, ist in Ordnung. Doch sind die Ziele erst einmal erreicht, folgen neue. Das nächste Kind, eventuell ein größeres Haus, die Kinder auf eine gute Schule bringen, ins Studium, in einen soliden Job. Ehe wir uns versehen, haben wir alle Punkte abgearbeitet und das halbe Leben damit verbracht, unserer To-do-Liste abzuhaken. Richtig gelebt, den Moment genossen haben wir viel zu selten. Natürlich rate ich keinem, durchs Leben zu treiben und darauf zu warten, was passiert. Dafür sind die meisten von uns nicht gemacht, wir wollen vorankommen, etwas erreichen. Nur sollten wir das nicht um jeden Preis und auf gar keinen Fall in unserer Beziehung. Für mich ist mein Herzmensch mein Partner in Crime, er steht an meiner Seite und bestreitet jedes Abenteuer mit mir, genau dann, wenn das Leben es uns vor die Füße wirft. Wir leben jetzt, nicht fünf Jahre in der Zukunft und schon gar nicht zehn. Würden wir den Blick immer auf die Zukunft richten, würden wir das Jetzt nicht sehen, würden verpassen, wer wir heute sind, gemeinsam, aber auch persönlich. Und selbst wenn wir an dem Punkt in fünf Jahren ankämen, würden wir nicht durchatmen und von da an das Leben genießen, nein, wir würden weitermachen, nach den Zehnjahreszielen streben, abhaken, was erledigt ist, fest im Auge, was noch erledigt werden muss. Und am Ende? Da hätten wir unser ganzen Leben abgearbeitet, statt es zu leben. Etwas Tragischeres kann ich mir kaum vorstellen.

Ich weiß, die Balance zwischen Zielen für die Zukunft und dem Jetzt zu finden ist schwer. Wer würde zu einem schönen Haus mit Garten schon nein sagen? Die wenigsten. Wer aber genau hinschaut, der findet diese schmale Linie zwischen dem Heute und dem Morgen. Sie ist dort, wo wir einen zweiten Job annehmen oder endlose Überstunden machen, um endlich das Eigenkapital für die Hausfinanzierung zusammenzubekommen, statt Zeit mit unseren Lieblingsmenschen zu verbringen. Sie verläuft dort, wo wir jahrelang nicht in den Urlaub fahren, weil die Raten für das Haus so hoch sind oder die Privatuni für das Kind so teuer. Ich weiß nicht, ob irgendwo im Jenseits Fleißkärtchen dafür verteilt werden, dass wir unsere Ziele erreicht haben, Zeit geopfert haben mit den Menschen, die uns am meisten bedeuten, um sie mit anderen auf der Suche nach Geld zu verbringen, aber ich bin mir sicher, dass diejenigen, die zurückbleiben und nicht an der Fleißkartenzeremonie teilnehmen können, sich nicht positiv daran erinnern werden, dass wir immer gearbeitet haben, stets von einem Termin zum nächsten gehetzt sind und irgendwie zwar da, aber dennoch abwesend waren, weil unser Kopf in der Zukunft steckte. Nein, ich bin überzeugt davon, dass die Momente in Erinnerung bleiben, die wir gemeinsam mit unseren Liebsten verbracht haben, ein unvergesslicher Urlaub oder sogar viele, stille Augenblicke voller Liebe. Das heißt nicht, dass wir nie ein eigenes Haus oder ein schönes Auto besitzen werden, es bedeutet nur, dass es vielleicht länger dauert. Und wenn es nie soweit kommt, ist das möglicherweise auch gar nicht so schlimm, denn wenn wir stattdessen Zeit haben das Leben und den Menschen an unserer Seite zu genießen, dann ist das mit Sicherheit ein Stück vom ganz großen Glück.

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