Vom Bleiben und Vermissen

Der Unterschied zwischen Besitzanspruch und Liebe ist der zwischen „Ich werde dich vermissen“ und „Bleib bei mir“. Auf diese Erkenntnis bin ich dank einer geführten Meditation gestoßen – alle, die sich noch nie an einer Meditation versucht haben, sollten es unbedingt ausprobieren. Auf den ersten Blick erscheint die Bitte an den Herzmenschen, bei uns zu bleiben, durchaus liebevoll. Selbst wenn er nicht bleiben kann, weil der Job eine Dienstreise fordert oder ein krankes Familienmitglied seine Aufmerksamkeit, weiß er doch, dass wir ihn am liebsten immer an unserer Seite hätten, oder? Das kommt darauf an, von welcher Seite aus wir die Aussage betrachten. Aus Sicht des Sprechers klingt sie vielleicht liebevoll, aber gleichzeitig hinterlässt sie unseren Herzmenschen mit der Gewissheit, dass er uns nicht geben kann, was wir uns wünschen und im weitesten Sinne, dass er uns zumindest in diesem Moment nicht glücklich machen kann. „Ich werde dich vermissen“, sagt hingegen genau das aus, was wir sagen wollen. Nämlich, dass wir wissen, unser Herzmensch muss vereisen, aber er wird uns in seiner Abwesenheit fehlen. Vermisst zu werden ist ein schönes Gefühl für denjenigen, dem es entgegen gebracht wird. Es bedeutet, geschätzt zu werden, und ist eine Bestätigung dafür, dass wir in Gesellschaft unseres Herzmenschen glücklicher sind als allein. Und so sollte es sein.

Liebe ist die Fähigkeit, den Menschen, die uns wichtig sind, die Freiheit zu lassen, die sie benötigen, um so sein zu können, wie sie sein wollen. (George Bernard Shaw)

Was für eine Reise gilt, ist im Grunde genommen für das ganze Leben relevant. Wenn wir unseren Lieblingsmenschen nach unseren Wünschen formen, indem wir seine Liebe und seinen Willen, es uns recht zu machen, ausnutzen, nehmen wir ihm die Freiheit, er selbst zu sein und sich zu entfalten, wie er möchte oder sogar wie es ihm bestimmt ist. Wenn wir ihm zu einem neuen Job raten, weil er mehr Geld einbringt und wir dann endlich die Finanzierung für das Eigenheim bekommen oder den lang ersehnten Urlaub, obwohl wir wissen, dass dieser Job stressiger wird oder eben nicht so erfüllend, nehmen wir Einfluss auf sein Wohlgefühl zugunsten unserer Wünsche. Das heißt nicht, dass wir unseren Herzmenschen hintergehen. Nein, er weiß sicher auch mit welchen Einschnitten der neue Job daher kommt. Nein, vielmehr steht er von nun an vor dem Dilemma, dass er entweder tut, was ihm richtig erscheint dafür jedoch mit dem Wissen leben muss, dass das neue Haus oder der Urlaub, der uns glücklich gemacht hätte, nicht möglich sind, oder er nimmt den neuen Job und macht sich damit selbst ein Stück unglücklicher – auch wenn er im Gegenzug das Haus oder den Urlaub bekommt. Die Grenzen zwischen Egoismus und Liebe sind in solchen Fällen oft haarscharf oder sogar fließend. Ein guter Grund dafür, uns stets zu fragen, warum wir etwas von unserem Lieblingsmenschen einfordern und darauf zu achten, wie genau wir unsere Wünsche formulieren.

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