Wieso, weshalb, warum?

Wäscheklammern, vintage, Holz

Kennt Ihr das? Ein Vierjähriger wird von Verwandten gefragt, ob er schon eine Freundin hat. Selbst Eltern erzählen stolz, dass ihr Kleiner ein Herzensbrecher ist und kaufen ihm das passende Womanizer T-Shirt dazu. Was an der Frage falsch ist? So viel, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Zu Allererst das Offensichtliche: Vierjährige suchen nicht den Partner fürs Leben, sie wollen toben und spielen mit Geschwistern, Eltern und Freunden. Sie verstehen die Frage wahrscheinlich noch nicht einmal richtig. ABER sie sind empfänglich für die Suggestion dahinter. Sie erfahren von klein auf, dass es ungeheuer wichtig ist, eine Freundin zu finden, so wichtig, dass die Familie ständig danach fragt. Sollte es nicht eher so sein, dass dem Kind ein gesundes Selbstbewusstsein mitgegeben wird? Und was ist wenn der Junge später feststellt, dass er lieber einen Freund hätte als eine Freundin und aus Angst, die Fragesteller zu enttäuschen, schweigt?

Aber das ist erst der Anfang. Die Fragerei nach dem Beziehungsstatus hört nicht auf. Eine Singlefreundin wird andauernd gefragt, ob sie einen Freund hat, gerne auch mit dem Zusatz endlich, gefolgt von Ratschlägen, was sie tun muss, um eben diesen Mann zu finden und zu binden. Was ist jedoch, wenn diese Frau gar keinen Mann sucht, sondern glücklicher Single ist? Was ist, wenn sie unter ihrer letzten Trennung leidet und längst nicht bereit ist, eine neue Beziehung einzugehen? Oder wenn sie unglücklich verliebt ist? Die Frage bohrt wieder und wieder in einer schmerzhaften Wunde.

Wann heiratet Ihr denn endlich?

Diese Frage hat wohl jedes Paar schon einmal gestellt bekommen. Warum sie immer noch gefragt wird, ist mir ein Rätsel. Die Zeiten, in denen Paare heiraten müssen, sind lange vorbei, und wilde Ehe längst kein Tabu mehr. Klar, ich könnte sie als Small-Talk hinnehmen. Aber was ist, wenn ein Teil des Paares unbedingt heiraten will und der Partner Nein sagt? Oder wenn die beiden kein Geld haben, um sich ihre Traumhochzeit zu ermöglichen?

Wann bekommt ihr Nachwuchs? Ihr werdet nicht jünger!

Eine der unhöflichsten und grenzüberschreitensten Fragen, die ich kenne. Wann, wer Kinder bekommt oder nicht und warum, geht niemanden etwas an. Weder als Small Talk noch um die eigene Neugierde zu befriedigen. Auch gut gemeinte Ratschläge dazu, wie wundervoll Kinder sind und wie sie das Leben bereichern, sind deplatziert. Was ist, wenn das gefragte Paar gerne Kinder möchte, aber aus irgendeinem Grund keine bekommen kann? Was, wenn sie schon unzählige Versuche hinter sich haben, vielleicht sogar Fehlgeburten? Was ist, wenn einer von beiden unbedingt Kindern will, am liebsten eine Fußballmannschaft, der andere aber nicht eines? Sollen sie davon auf einer Party über einem Glas Bier erzählen? Das kann niemandes Ernst sein!

Aber selbst wenn der gesellschaftliche Anspruch erfüllt wurde und das erste Kind geboren ist, endet die Fragerei nicht.

Wann bekommt Ihr denn das zweite?

„Einzelkinder sind später unglücklich. Geschwister sind toll.“ Und so weiter und so fort. Ich denke nur: Echt jetzt? Ihr seid immer noch nicht zufrieden? Was ist, wenn die erste Schwangerschaft so kompliziert war, dass eine Zweite nicht in Frage kommt. Oder es einfach nicht noch einmal klappt, obwohl die beiden alles versuchen? Was ist, wenn sie einfach kein zweites Kind möchten oder sich keines leisten können, obwohl sie nichts lieber wollten?

Die Königsdisziplin der dummen Fragen müssen allerdings Menschen mit vielen Kindern über sich ergehen lassen. „Reicht es nicht langsam? Plant Ihr eine eigene Fußballmannschaft?“

Habt Ihr schon einmal was von Verhütung gehört?

Ich kann nur mit dem Kopf schütteln und mich fragen, wann solche Menschen genug haben. Sollte es nicht dem Paar überlassen sein, wie viele Kinder es bekommt, solange alle gut versorgt sind? Und was ist, wenn eine der Schwangerschaften nicht geplant war? Soll die Mutter das öffentlich erklären? Der Psyche des Kindes tut es sicher später alles andere als gut, wenn es von anderen diese Geschichte aufgetischt bekommt. Und das würde passieren, daran habe ich keine Zweifel.

Ich könnte ewig so weiter machen, aber Ihr habt den Tenor sicher erfasst. Solche Fragen gehören sich nicht, sie bringen die Befragten im besten Fall in Verlegenheit, im schlimmsten reißen sie Wunden auf, die gerade frisch geschlossen sind oder bohren sogar im offenen Fleisch. Und Nein, die Argumente „Fragen kostet nichts“, „Man wird ja noch mal nachfragen dürfen“ und „Wer nicht fragt bleibt dumm“, zählen hier nicht. In diesem Fall ist, wer zu viel fragt, dumm. Was ist aus Gesprächen über das Wetter, Musik, das Essen, meinetwegen auch Politik, Bücher, Filme, Kultur oder Mode und unzähligen anderen Themen, die niemanden verletzen oder beleidigen, geworden? Ich weiß, das Leben der anderen ist gelegentlich weitaus spannender, aber es gibt kein festgeschriebenes Recht darauf, jedes Detail über Freunde, Familie oder Bekannte zu erfahren, egal wie groß die Neugier ist. Und das ist auch gut so.

Und weil ich einmal dabei bin, habe ich mir erlaubt, eine Liste zusammenzustellen mit Fragen, die Autoren nicht hören wollen. Ihr werdet nicht glauben, was meine Kollegen und ich alles zu hören bekommen.

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