Wir schenken uns nichts

Geschenk, Herz, Liebe

Wir schenken uns nichts

höre ich derzeit oft. „Nach fünf/ zehn/ achtzehn Jahren haben wir alles. Was sollen wir uns da noch schenken?“ „Wir kaufen Geschenke für die Kinder, nicht für uns, das wird zu viel, zu teuer, zu stressig.“ Ich verstehe die Argumente und doch wieder nicht. Ich verstehe, dass es schwierig ist, Geschenke für Menschen zu finden, die alles haben. Wer einen Haushalt teilt, hat nicht die größte Auswahl an Präsenten für sein Gegenüber. Es bleiben Kleidung, Schmuck, das Hobby, vielleicht Musik. Dinge, die wir uns heute vielfach selber kaufen, genau dann, wenn wir sie brauchen. Schenken ist schwierig, niemand hat behauptet, dass es einfach ist. Aber ich glaube, Liebe braucht Traditionen, nicht unbedingt Geschenke, aber Rituale, die dem anderen zeigen, dass wir uns Gedanken machen, uns kümmern, etwas einsetzen. Schenken ist stressig, gerade in der Vorweihnachtszeit. Wir hetzen von Termin zu Termin, Geschäft zu Geschäft, versuchen, noch schnell alles, was wir das Jahr über erledigen wollten, in die letzten Wochen zu packen und lassen oft viel zu viel Gutes auf der Strecke. Sich nichts zu schenken, heißt auch, sich keine Mühe zu machen, nicht nachzudenken, sich den Kopf nicht zu zerbrechen, was der andere sich wünscht. Und seien wir ehrlich, dafür müssen wir doch nicht einmal in den Laden gehen, wir brauchen lediglich das Internet zu bemühen und das Geschenk wird völlig stressfrei an die Haustür geliefert. Auch wenn die Idee fehlt, auch wenn Socken und Unterwäsche langweilig sind, auch wenn es wieder das Lieblingsparfüm wird. Die Tatsache, dass überhaupt ein Geschenk unterm Baum liegt, zeigt, dass Ihr nicht untergegangen seid in all der Hektik, Euch bemüht habt, Zeit investiert, zumindest kurz.

Natürlich könnt Ihr jetzt argumentieren, dass Geld eine Rolle spielt. Spielzeug und Kleidung für Kinder sind teuer und manchmal bleibt nicht viel übrig, nachdem die Kleinen versorgt sind. Das verstehe ich, aber Liebe braucht keinen Luxus, sie benötigt Zeit, Aufmerksamkeit, Fürsorge. Und das ist keine Frage des Geldes, sondern des Wollens. Warum nicht einen Abend zu zweit verschenken, ein schönes Date, das nach all den Jahren viel zu selten stattfindet, eine Massage, selbstgemachte Pralinen, einen Ausflug mit Picknick im Freien? Liebe hat keinen Gegenwert, lässt sich nicht in Geld aufwiegen, auch nicht in Geschenken. Zu sagen, wir haben uns nichts mehr zu schenken, klingt, als hätten wir uns nichts mehr zu geben, außer Alltag. Traditionen loszulassen, die einmal gepflegt wurden, bedeutet, dass wir uns ein wenig voneinander entfernen, vielleicht nicht bewusst, aber wir lassen los, was einmal wichtig war. Die Freude daran, den andern zu erfreuen, ihm zu zeigen, dass wir ihn kennen, wissen, was ihm gefällt, ihn achten, uns Zeit nehmen, über ihn nachzudenken. Zu beschließen, eine Tradition aufzugeben, bedeutet, eine Ressource freizumachen, festzustellen, dass Zeit und Geld besser investiert werden können als in den Herzmenschen. Wie gesagt, ich verstehe die Argumente und doch wieder nicht. Liebe braucht keine Geschenke, sie sollte sich selbst genug sein. Doch wir sind Menschen und sehnen uns nach Aufmerksamkeit und Wertschätzung von demjenigen, mit dem wir unser Leben teilen. Ein gemeinsamer Abend, ein seltener Besuch im Kino, ein exotisches Essen und einem kuriosen Restaurant, ein Tag im Spa, vieles ist so viel mehr als ein Geschenk.

Wir schaffen Erinnerungen, die uns länger begleiten als einen Augenblick und vielleicht werden sie zu einer neuen liebgewonnen Tradition, die allein Euch und Eurem Lieblingsmenschen gehört.

1 Kommentar

  • Andrea sagt:

    Das hast du so wunderschön geschrieben! Mein Bruder besteht darauf, nichts zu schenken und ich fühle mich an jedem Weihnachten komisch dabei. Es muss nichts Teures sein, keinesfalls. Aber über eine Kleinigkeit freut sich doch jeder, ohne dass es in einen Konsumrausch ausartet!

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